ZWIEGESPRÄCH

Kürzlich war die Autorin Miriam Veya im Rahmen des Literaturfestivals „Fremdgehen“ in der KaffeeWerkStadt zu Gast. Sie brachte eine humorvolle Kurzgeschichte über Kaffee mit, in der Tee und Kaffee im Café darüber streiten, wer das bedeutendere Getränk ist.

Zwiegespräch

Treffen sich Tee und Kaffee in einem Café.

«Du hier?», sagt der Kaffee.

«Warum nicht?», fragt der Tee.

«Weil…», sagt der Kaffee und zeigt auf das Schild, auf dem ‚Café‘ steht.

«Nur weil’s Café heisst», sagt der Tee, «bedeutet das nicht, dass ich nicht alles Recht der Welt habe, hier zu sein.»

«Mmh», macht der Kaffee.

«Was?», fragt der Tee.

«Ach, Tee», sagt der Kaffee und rollt die Augen, «du denkst immer, du bist so besonders. Aber weisst du eigentlich, wie lange ich schon die Welt verändere? Meine Geschichte reicht bis ins 9. Jahrhundert zurück.»

Der Tee lacht. «Dass ich nicht lache», sagt er, «nach Christus?»

«Ja, warum?», fragt der Kaffee.

«Das war ja praktisch gestern», antwortet der Tee.

«Wie meinst du das?», fragt der Kaffee.

«Ich, mein lieber Freund», sagt der Tee und plustert sich auf, «wurde der Legende nach schon um 2700 vor Christus entdeckt.»

«Wen interessiert das heute noch?», fragt der Kaffee und lehnt sich zurück. «Apropos Legende: Gibt’s bei mir auch.»

«Ah, spannend, erzähl mir mehr», sagt der Tee und gähnt.

«Kaldi», erklärt der Kaffee, «ein Ziegenhirte in Äthiopien, bemerkte, wie seine Tiere nach dem Fressen meiner Kirschen plötzlich munter herumsprangen.»

«Ein Ziegenhirte!» sagt der Tee, «Lächerlich! Ich wurde vom ehrenwerten Kaiser Shen Nong entdeckt. Ein Blatt von mir wehte in seinen Kessel mit heissem Wasser. Er war so begeistert von meinem grossartigen Aroma und der belebenden Wirkung, dass er mich fortan als Heilmittel nutzte.»

«Belebende Wirkung! Du!», spottet der Kaffee, «das ist wohl immer noch meine Spezialität!»

«Das ist auch das Einzige, was du kannst», murmelt der Tee.

«Was sagst du?», fragt der Kaffee.

«Ich kann beleben», sagt der Tee und zählt an seinen Fingern ab, «beruhigen, kühlen, wärmen…» Er stockt und überlegt. «Und heilen!», triumphiert er dann. «Du verursachst nur Bauchschmerzen!»

«Viele trinken mich, wenn sie Kopfschmerzen haben», mault der Kaffee.

«Deine Absenz verursacht Kopfschmerzen!» ruft der Tee. »Du bist eine Droge, Alter! Und ausserdem machst du nervös!»

«Nervös, ich?», fragt der Kaffee.

«Schau doch nur, wie du zitterst!», sagt der Tee.

Der Kaffee schweigt beleidigt. Dann startet er zum Gegenangriff.

«No offence, aber ich bin einfach cooler als du», behauptet er.

«Findest du?», fragt der Tee.

«Ich bin Lifestyle», sagt der Kaffee.

«Hä?», fragt der Tee.

«Mich gibt es in den ausgeklügeltsten Varianten», entgegnet der Kaffee, «Flat White, Cortado, Pour Over, Aeropress, Cold Brew, Iced Latte und von den Klassikern Espresso und Cappuccino sprechen wir schon gar nicht. Aber du? Grünzeug, das heisses Wasser färbt.»

«Färbt?», empört sich der Tee, «Ich bin eine jahrtausendalte Tradition! Teezeremonie, schon mal gehört?»

«Ich bin Handwerkskunst», sagt der Kaffee, «Ästhetik meats Kreativität, die Verbindung von hochwertigen Bohnen, sorgfältigster Röstung, differenzierten Aromen und, und… Nachhaltigkeit!»

«Bla, bla, bla», sagt der Tee, «Firlefanz! Deine ganze komplizierte Zubereitung – am Anfang warst du auch nur ein Aufguss.»

«Und du bist ein lahmes Kraut», kontert der Kaffee.

«Immerhin gesünder als dein überdosiertes Koffein», erwidert der Tee.

«Ha!», macht der Kaffee, «bei dir steckt doch auch Koffein drin.»

«Da vergleichst du jetzt aber wirklich Äpfel mit Birnen», sagt der Tee, «Mein Koffein ist viel gesünder, wirkt länger und gibt weder Kick noch Knick. Denk doch nur an den jetzt so populären Matcha!»

«Mein Lieber», sagt der Kaffee und schüttelt sich, «Wer will denn schon so eine grüne, bittere Brühe trinken?»

Der Tee deutet mit einer Kopfbewegung nach links, wo zwei Matcha Latte auf dem Nebentisch stehen. Doch der Kaffee gibt nicht auf.

«Ich bin der echte Star der Heissgetränke», sagt er.

«Und ich war der Star der Boston Tea Party!»», sagt der Tee.

«Boston Tea Party!», kichert der Kaffee. «Eine Party, an der nur Tee getrunken wird? Klingt aufregend.»

«Das war ein Protest!» verteidigt sich der Tee, «Ein historischer Moment!»

«Wie auch immer», sagt der Kaffee, «klingt jedenfalls ziemlich lame

 

Und während die beiden sich noch eifrig weiterstreiten, tritt plötzlich eine Cola an den Tisch.

«Ist hier noch frei?», fragt sie höflich und deutet auf den leeren Platz neben dem Tee.

Die beiden schauen die prickelnde, schwarze Erscheinung an. Dann wechseln sie einen irritierten Blick.

«Äh, eher nicht», sagt der Tee langsam.

«Nix die Bohne!», ruft der Kaffee und stellt sein Milchkännchen auf den freien Platz, «Geschlossene Gesellschaft – hier sitzen nur Kulturgüter mit Tradition!»

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